Anne Devillard – Autorenvita

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Anne Devillard, 1955 geboren, in Paris aufgewachsen, Magister in Germanistik an der Pariser Sorbonne, lebt seit 1980 in München, wo sie die Heilpraktiker-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat. Seit 1989 ist sie Chefredakteurin der renommierten naturheilkundlichen Monatszeitschrift NATUR & HEILEN und Moderatorin auf internationalen Kongressen über ganzheitliche Medizin, Wissenschaft und Spiritualität (unter anderem Moderation des Kongresses „Unity in Duality – Einheit in der Vielfalt“ im Oktober 2002 mit dem Dalai Lama).


Die Chefredakteurin der Zeitschrift NATUR & HEILEN, Anne Devillard, im Gespräch mit Michael Frensch.

Anne Devillard, Sie sind seit vielen Jahren Chefredakteurin von NATUR & HEILEN. Was möchten Sie mit dieser Zeitschrift erreichen?

Für jeden von uns ist es sehr wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie man am besten sein Leben gestaltet. Eine Zeitschrift kann diesbezüglich eine echte Hilfe darstellen; sie kann wie ein homöopathisches Mittel wirken – sanft und verwandelnd zugleich. Mein tiefes Anliegen ist es, dass es den Lesern nach der Lektüre besser geht als vorher, also Kraft und Hoffnung zu vermitteln – in guten und schlechten Zeiten. Das versuche ich einerseits über die Wahl der Themen: Spiritualität, Bewusstseinswandel, Naturheilkunde, Pflanzenkunde usw. Das ist aber noch nicht das Wesentliche, denn was eigentlich wirkt, ist das, was zwischen den Zeilen liegt. Jeder Nummer wohnt eine bestimmte Atmosphäre inne.

Wie erreichen Sie das?

Am Anfang steht eine Idee, ein zentrales Thema, zum Beispiel der Frühling. Frühling bedeutet neues Leben, und das gilt auch im übertragenen Sinn: auf der Bewusstseinsebene geht es zum Beispiel um Hoffnung, auf der körperlichen Ebene um Reinigung, auf der Umweltebene um das Wachstum von Pflanzen und Bäumen. Mit diesen Ideen und Themen lebe ich eine Zeit lang. Dann kommt der Punkt, an dem die Zeitschrift sich gewissermaßen verselbständigt, an dem eine kreative Kraft, also etwas Unsichtbares, zu wirken anfängt. Sie ist es, die die einzelnen Artikel, die sonst wie ein ungeordnetes Puzzle aussehen würden, zu einer Ganzheit zusammenwebt.

Können Sie diesen Prozess genauer beschreiben?

Wie gesagt, beginnt alles mit der Idee. Sie zu fassen ist ein Willensakt von mir. Ich gebe also den ersten bewussten Impuls. Dann kommt der Augenblick, wo alles anfängt sich zu ordnen. Aber das ist es noch nicht. Diese Ordnung ist nur vorläufig. Würde ich bei diesem Akt stehen bleiben, dann käme eine Zeitschrift heraus, die zwar interessant wäre, aber keine transformative Kraft hätte. Denn bis zu diesem Punkt hat alles noch mit Anstrengung zu tun.

Wodurch ändert sich das?

Da ist ein Druck, der sich immer mehr aufbaut. Ein Gärungsprozess. Ich spüre ihn regelrecht im Körper. Es ist wirklich ein Leidensprozess. Jeden Monat. Dieser Druck wächst und wächst, bis er kaum mehr auszuhalten ist. Würde ich nun an diesem Punkt aufhören, dann fiele alles in sich zusammen – wie ein Ballon, aus dem die Luft heraus geht. Wenn ich aber dabei bleibe und diesen enormen Druck aushalte – das ist wirklich ein riesiger Energiepegel -, dann öffnet es sich und ich erkenne mit einem Schlag, wie die verschiedenen Artikel zusammenhängen und sich zu einem roten Faden zusammenfügen. Das übergeordnete Prinzip wird sichtbar. Das ist etwas unglaublich Faszinierendes. Mir wird dann klar, dass alles schon vorbereitet war. Ich war nur das Instrument, aber zugleich auch die Schöpferin – eine echte Gradwanderung. Deswegen liebe ich diese Arbeit.

Jede Ausgabe ist also eine Art kleine Geburt mit Wehen…

Ja. Monat für Monat.

Und immer wieder kommt der Moment, wo das Kind geboren ist…

… Dann spüre ich in meinem Körper eine ungeheure Leichtigkeit, und die Freude kommt wieder. Das ist ein echter Moment des Glücks…

…und dann geht das Kind hinaus in die Welt…

… und komischerweise lasse ich es total los. Wenn man mich fragt, was in der letzten Nummer dran war, kann ich es wirklich nicht mehr sagen. Erst wenn die Leser das Heft in den Händen halten und ich das Feedback bekomme – d. h. vier Wochen später – bin ich wieder in der Stimmung der jeweiligen Ausgabe.

Wie viele Wochen vergehen denn überhaupt von der redaktionellen Fertigstellung des Heftes bis zu seinem Erscheinen?

Sechs. Die letzte Märznummer habe ich zum Beispiel Mitte Januar konzipiert. Ich musste mich innerlich total in das erwachende Frühlingsgefühl hinein versetzen: In welcher Stimmung ist man da? Wohin tendieren unsere Bedürfnisse im März, nicht nur geistig, sondern auch körperlich? Wir sind in einer ganz anderen Jahreszeit und Verfassung als zum Beispiel im tiefen Winter.

Den Frühling mitten im Winter erleben – geht das überhaupt?

Das geht. Nicht selten bekommen wir in der Redaktion Briefe von Lesern, die sich darüber wundern, dass in jeder Ausgabe immer ein Beitrag veröffentlicht wird, der haargenau zu ihrer momentanen Lebenssituation passt – obwohl das Heft zwei Monate vorher konzipiert wurde. Dies ist nur wegen dieser kreativen Kraft möglich, von der ich gesprochen habe und die durch mich und jenseits von mir wirkt.

Sie sprechen von Kraft. Dabei scheint es ja auch eine Art Vorherwissen zu sein. Hat die Zeitschrift so etwas wie einen Geist?

Die Zeitschrift hat einen Geist, ja. Das ist einerseits das In-Erscheinung-Tretende; es handelt sich da um Themen, die unbedingt an die Öffentlichkeit müssen, zu diesem ganz bestimmten Zeitpunkt. Auf der anderen Seite ist meine Begeisterung für ein Thema mein inneres Barometer. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass es tatsächlich immer um Themen geht, die am Puls der Zeit sind. Ich spüre dann das Ausmaß der Botschaft, der Brustkorb ist weit und die Freude am Thema ist da.

Sie sind Französin und redigieren letztverantwortlich eine auflagenstarke deutsche Zeitschrift. Das ist ungewöhnlich.

Merkwürdigerweise habe ich mir damals keine Sekunde die Frage gestellt, ob ich das machen kann oder nicht. Nicht einmal eine Entscheidung war notwendig. Übrigens war das ganz ähnlich wie bei meiner Heilpraktiker- Prüfung. Der Schulleiter sagte strahlend: „Die Französin hat es auch geschafft!”, dabei war für mich die Sprache gar kein Hindernis gewesen.

Wann ist Ihnen in Ihrem Leben die spirituelle Dimension bewusst geworden?

Nach ein paar Jahren in Deutschland kam ich in eine tiefe Krise und habe angefangen, ungeheures Heimweh nach Frankreich zu bekommen. Das war so stark, dass es mich fast zerrissen hat. Heimweh bedeutet, in einer ewigen Sehnsucht nach etwas zu leben, das dich erfüllt. Ich habe die Absurdität, die Sinnlosigkeit, die Ziellosigkeit erlebt. Die grundsätzliche Frage war: „Was soll ich aus meinem Leben machen?” Wenn man im Ausland lebt, ist diese Frage noch viel drängender. Man ist nicht in der eigenen Kultur aufgehoben, alles ist noch fremder, die Fragestellung viel dramatischer. Und dann kommt dieses Heimweh. Eigentlich hinter jedem Heimweh steckt die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Wärme, nach Glückseligkeit… im Endeffekt nach Gott. Diese Sehnsucht konnte nicht gestillt werden durch Partner oder Familie, denn es war etwas Grundsätzliches in mir. Da begegnete ich einem indischen Homöopathen. Ich hatte eigentlich keine sonderlich gravierenden Beschwerden, aber das auftretende Symptom hat mich zu einer Ebene der Selbsterforschung und Bewusstwerdung geführt, die viel größer war als es selbst. Der indische Homöopath beherrschte die klassische Homöopathie bis in die Fingerspitzen. So konnte ich erfahren, wie bei der Behandlung Schicht für Schicht herausgeschält wurde – wie eine Art Häutung. Da habe ich erkannt, dass ich eigentlich schon immer, schon als Kind, auf dieser spirituellen Suche war. Meine Jugend in Paris in außergewöhnlichen Verhältnissen war bereits eine Schulung.

Sie sind also auch in Frankreich schon in einer Ausnahmesituation gewesen. Die Ausnahme ist bei Ihnen die Regel. Und dazu gehört, dass Sie als Französin zu einem deutschen Publikum sprechen oder Artikel für es bereiten und die Leser das Gefühl haben, dass Sie sie verstehen.

Ich glaube, das ist das, was bei ihnen wirkt. Ich spreche die Sprache des Menschen, und deshalb fühlt sich jeder erkannt …

…und berührt?

Ja, weil es eben eine universale Sprache ist.

Und wie redet diese Sprache?

Mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es wie eine Schulung ist. Die Leser bekommen jeden Monat das Heft, und jeden Monat bekommen sie eine Impfung oder besser: einen Impuls. Es ist wie eine Art Studium, das nicht nur den Kopf erreicht, sondern die tieferen Schichten des Menschen. Das wäre eben das Spirituelle daran.

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